Hugo Duderstaedt - ein Architekt der Chemnitzer Innenstadt

Porträt von der Grabstätte auf dem Städtischen Friedhof

(*30.07.1848 in Chemnitz †30.09.1909 in Chemnitz)

Zu den wichtigsten Architekten der Chemnitzer Innenstadt vor 1945 gehörte Hugo Duderstaedt, der auch als unbesoldeter (ehrenamtlicher) Stadtrat wirkte.

Er wurde am 30. Juli 1848 als Sohn eines Kaufmanns geboren, der ein Materialwaren- und Zigarrengeschäft auf der Äußeren Johannisstraße/Ecke Zschopauer Straße führte. Johann Friedrich Duderstaedt stammte aus Großkyhna bei Delitzsch, seine Ehefrau aus Schellenberg (heute: Augustusburg). 1857 errichtete er sich eine Villa an der Äußeren Dresdner Straße, das spätere Gebäude Dresdner Straße 42. In jene Zeit fällt auch sein Eintritt in den Chemnitzer Stadtrat.

 

   

Villa Dresdner Str. 42 - Vorderansicht früher

 

1863 begann Hugo Duderstaedt eine Ausbildung an der Königlichen Baugewerkenschule an der Dresdner Straße, die er drei Jahre später abschließen konnte. Damit verbunden war ein Baupraktikum bei einem Zimmermeister. Zum ersten Mal hören wir 1874 von einem „Atelier für Architectur“, das er im elterlichen Haus einrichtete.

Villa Dresdner Str. 42 - Vorderansicht heute

   
Nunmehr auf eigenen Füßen stehend, heiratete er 1877 die älteste Tochter des Chemnitzer Schirmstofffabrikanten Otto Müller, der später in Görlitz zu einem der bedeutendsten Textilunternehmer avancierte. Über fünf Töchter und einen Sohn geben die Polizeimeldebücher Auskunft.

Seinen Zimmerhof hatte Duderstaedt am Lessingplatz 19. Ab 1887 komplettierte ein Zeichen- und Schreibstubengebäude die Villa in der Dresdner Straße.

 

   

hier stand ehemals Duderstaedts Bauhof

Zu den ersten größeren Projekten Duderstaedts gehörte wohl das Gebäude der Öffentlichen Handelslehranstalt, das 1878/79 an der Hedwigstraße (heute: An der Markthalle) entstand. Schon länger wurde in Chemnitz ein größeres Schulgebäude zur Ausbildung des kaufmännischen Nachwuchses benötigt. Duderstaedts älterer Bruder Richard hatte noch die Handelsschule in Dresden besuchen müssen. Hugo Duderstaedt, der mit dem Entwurf beauftragt wurde, konnte auch das günstigste Kostenangebot für die Bauausführung vorlegen.

 

Öffentliche Handelslehranstalt

 

heute Berufliches Schulzentrum

1879 errichtete der Architekt eine Veranda für den Bier- und Weinhändler Rudolph Voigtländer an der Kaßbergauffahrt. Das dortige Restaurant „Kaßberg-Bastei“ konnte während der Sommermonate mit einer schönen Aussicht über die Stadt aufwarten.
1880 entwarf Hugo Duderstaedt für seinen älteren Bruder Friedrich Hermann, der das väterliche Geschäft an der Äußeren Johannisstraße weiterführte, ein neues Magazingebäude.

 

 

 

Kaßbergbastei

Im selben Jahr beauftragte J. G. Leistner den Architekten mit dem Entwurf für einen Magazinbau an der Inneren Johannisstraße/Ecke Neumarkt. Johann Georg Leistner, Hausbesitzer und Fabrikant von Haus- und Kücheneinrichtungen an der Amalienstraße (heute Tschaikowskistraße), errichtete sich damit einen repräsentativen Geschäftssitz in der Innenstadt. Das frühere Amtshaus musste diesem Gebäude weichen, in dem später das „Erste Wiener Café“ seine Gäste erwartete.

 

1883 erwarb Duderstaedt zwei Grundstücke am Brühl zur Bebauung, an der Unteren Georgstraße 17 und 16. Die dort bis 1884 bzw. 1887 errichteten Wohnhäuser verkaufte er später weiter, sie stehen heute noch und sind inzwischen saniert worden (heutige Georgstraße 16 und 18).

Georgstraße heute

   

1887 hören wir dann von einer Aufgabe als Bausachverständiger, die Duderstaedt für den Chemnitzer Erzgebirgszweigverein wahrnahm. Nachdem er die Pläne für den Beutenbergturm im Zeisigwald vorgelegt hatte, lag auch die Oberaufsicht über das Bauprojekt in seiner Hand. Am 11. September konnte der 25 m hohe Aussichtsturm übergeben werden.

 

 

Beutenbergturm

 

Standort des früheren Beutenbergturms - Gedenkstein

Auch repräsentative Villen gehen auf den Architekten zurück. Von 1891 datiert die Genehmigung für das Wohnhaus von Richard Flade an der Kaßbergstraße 1 (im Zweiten Weltkrieg zerstört).

 

In den folgenden Jahren übernahm Duderstaedt verschiedene Aufgaben im Kirchenbau. Für die von der Johannisgemeinde abgetrennte Markusgemeinde auf dem Sonnenberg, der er angehörte, entwarf er zunächst das repäsentative Pfarrhaus. Das 1891 fertig gestellte Gebäude am Körnerplatz 11, das auch Gemeindebücherei, Betsaal und Konfirmandenzimmer beherbergte, wurde ein Opfer der Kriegszerstörungen am 6. Februar 1945.

Pfarrhaus St. Markus

   

Duderstaedt, Mitglied des Kirchenvorstands, stand dann auch bei der Ausschreibung für den Bau der Markuskirche Pate. Der Bauauschuss dieser Gemeinde setzte durch, dass der Gewinner des Wettbewerbs, der Berliner Architekt Jürgen Kröger, einen zweiten Entwurf für die Kirche vorlegte, der einen Doppelhelm vorsah. Der von 1893–95 errichtete Bau, bei dem Duderstaedts Firma die Erd- und Maurerarbeiten übernahm, wurde zu einem Wahrzeichen des Sonnenbergs. (siehe auch Beitrag zur Markuskirche)

 

   

Markuskirche am Körnerplatz

Auch an der Ausführung der Kirche in Erdmannsdorf (1892/93) des Baumeisters Christian Gottfried Schramm war Duderstaedt – neben Prof. Weisbach aus Dresden und einem Baumeister Heidrich – beteiligt. Als 1894–96 die Stadtkirche in Schellenberg (Augustusburg) nach einem Brand von den Dresdner Architekten Schilling und Graebner neu errichtet wurde, übertrug man Duderstaedt die Ausführung.

 

Kirche Erdmannsdorf

 

Kirche Augustusburg

Schließlich entwarf der Chemnitzer Architekt die Kirchen für zwei Erzgebirgsgemeinden. So erhielt durch ihn Börnichen, das bis dahin nach Waldkirchen gepfarrt war, erstmals ein eigenes Gotteshaus. Am 29. März 1900 war die Grundsteinlegung und bereits am 8. Oktober desselben Jahres die Weihe. Im Auftrag dieser Kirchgemeinde übernahm Duderstaedt auch den Bau der Leichenhalle.

 

Kirche in Börnichen 

 

Leichenhalle in Börnichen

  In Waldkirchen wurde 1900/01 unter Duderstaedts Leitung die Kirche im Mitteldorf erbaut. Dieser Gemeinde errichtete Duderstaedt 1905 auch das Schulgebäude unterhalb der Kirche. Der Saal der alten, baufälligen Georgskirche im Oberdorf wurde im selben Jahr abgerissen und der Altarraum, ebenfalls unter Leitung von Duderstaedt, zur Friedhofskapelle umgebaut.

 Kirche und Schule in Waldkirchen

   
Zwischen 1898 und 1909 erhielt Duderstaedt zahlreiche Aufträge für repräsentative Geschäfts- und Wohnhäuser in der Chemnitzer Innenstadt. Dazu gehörten das Bismarckhaus an der Königstraße/Ecke Waisenstraße, das Kaiser-Wilhelm-Haus an der Königstraße/Ecke Zimmerstraße und das Wettin-Haus an der Friedrich-August-Straße. Markante Eckbauten entwarf er auch für den Johannisplatz mit dem „Hotel Stadt Gotha“ an der Friedrich-August-Straße und dem Kaufhaus Schellenberger an der Königstraße, für die Friedrich-August-Straße/Ecke Herrenstraße mit dem Gläserschen Geschäft und die Lindenstraße/Ecke Brückenstraße mit der Ortskrankenkasse.

 

Wettin - Haus

 

Kaiser - Wilhelm - Haus

 

Kaufhaus Schellenberger

 

Ortskrankenkasse

Als Auftraggeber des neuen Hotels „Stadt Gotha“ wie des Gläserschen Geschäftshauses gegenüber zeichnete Theodor Dietzel, Ziegeleibesitzer auf dem Sonnenberg, der einige der lukrativsten Baugrundstücke der Innenstadt erworben hatte. Dieser Unternehmer hatte zunächst ein Export-Commissionsgeschäft für „Sächsische Manufakturwaaren“ geführt, das als Agentur der renommierten Firma von C. A. Auffm Ordt in New York ausgewiesen war, einer Firma, die sich bester Beziehungen zum deutschen Kaiser Wilhelm I. erfreute.  

   

Hotel Stadt Gotha

Für zwei namhafte Chemnitzer Fabrikanten, Emil Oskar Richter und Friedrich Hermann Haubold, schuf Duderstaedt in den Jahren 1905 bzw. 1908 die repräsentativen Gräber auf dem Städtischen Friedhof. Beide sind aus schwarzem schwedischem Granit gearbeitet.

 

Grabstätte Richter

 

Grabstätte für Haubold

1892 trat Duderstaedt wie schon vorher sein Vater als unbesoldeter Stadtrat in das Ratskollegium ein. Als Mitglied der Ausschüsse für das städtische Bauwesen, die Baupolizei, die Wasserleitung, das Beleuchtungs- und Verkehrswesen sowie für die Umgestaltung der Eisenbahnanlagen hatte er auch Anteil an den Entscheidungen über kommunale Bauten.

  Zehn Jahre stand er dem Forstausschuss und neun Jahre den Ausschüssen für das städtische Elektrizitätswerk vor. Weiterhin gehörte er dem Ausschuss „Für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal“ von Stadtrat und Stadtverordneten an, auf den die Aufstellung der drei Denkmäler auf dem Markt 1899 zurückgeht.

Denkmäler auf dem Markt

   
Bei der Errichtung des Denkmals für den Dichter Theodor Körner auf dem Körnerplatz, das 1901 enthüllt wurde, stand Duderstaedt mit seinem Rat zur Seite. Auch in die Diskussion der Baupläne von Museum, Theater und Neuem Rathaus, dessen Fertigstellung 1911 er allerdings nicht mehr erlebte, brachte Duderstaedt seinen Sachverstand ein.  

   

Theaterplatz mit Theater und Museum

Mit dem „Marthaheim“ in der Glockenstraße (1902/05), nicht weit von der Villa in der Dresdner Straße gelegen, schuf Duderstaedt seiner Frau Cäcilie eine soziale Wirkungsstätte. Diese Einrichtung eines christlichen Vereins hatte sich vorher in der Sonnenstraße 8, also auch in unmittelbarer Nähe befunden. Cäcilie Duderstaedt, die viele Jahre als Stellvertretende Vorsitzende des Damen-Ausschusses tätig war, kümmerte sich hier um die Ausbildung alleinstehender Mädchen und Frauen. Verbunden damit waren ein „Hospiz für reisende Damen, Damenheim, Herberge für stellenlose Mädchen und Dienstnachweis“.

 

 

Marthaheim um 1920

 

 und heute (Stadtmission)

  1915 überwies Cäcilie Duderstaedt dem Chemnitzer Rat 50.000 Mark als „Duderstaedt-Müller-Stiftung“, mit der sie auch das Andenken ihrer Eltern gewürdigt wissen wollte. Ihr Vater war der Textilfabrikant Otto Müller gewesen, der es in Görlitz zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht hatte. Die Stiftungszinsen sollten nun „zur Linderung schweigender Not verschämter Bedürftiger“, die keine öffentliche Armenunterstützung erhielten, verwendet werden.

Otto Müller

   

Cäcilie Duderstaedts Verdienste „auf dem Gebiete hilfreicher Nächstenliebe“ fanden 1918 mit der Verleihung der Carola-Medaille in Gold Anerkennung.

 

 

 

Königin Carola Medaille (silber)

 

Im Jahre 1900 errichtete der Baumeister die Gebäude der Genossenschaftsmolkerei am Zeisigwald, die am 1. Dezember 1900 eröffnet wurde. Ihre Maßnahmen, um insbesondere Kinder mit guter Trinkmilch zu versorgen, gingen mit entsprechenden Bemühungen des Vereins zur Bekämpfung der Schwindsucht überein. Hier gehörte Duderstaedt dem Ehrenausschuss an, also jenem Gremium, das wohl durch finanzielle Zuwendungen erst die Arbeit ermöglichte.

Genossenschaftsmolkerei

 

 

Im Ausschuss des Vereins „Krippe“, der sich der Betreuung von Kleinkindern widmete, war er, wie auch einige andere Persönlichkeiten der Stadt, vertreten. Dieser sah sein Anliegen in der Ermittlung, Beaufsichtigung und der Pflege von schutzbedürftigen Kindern und dem öffentlichen Bewusstmachen dieser Aufgabe. In Chemnitz eröffnete die erste Kinderkrippe erst am 30. September 1891 und damit viel später als in anderen Städten. Sie nahm nur solche Kinder bis zu zwei (im Ausnahmefall bis drei) Jahren auf, deren Mütter „nachweislich an der Pflege ihrer Kinder verhindert“ waren. Duderstaedt bemühte sich im Auftrage des Ausschusses um „geeignete Räume“. Sie wurden schließlich im Erdgeschoss des Hintergebäudes Sonnenstraße 58 gefunden. In der Anstalt des Vereins, wochentags von 7 bis 18 Uhr geöffnet, standen 30 Plätze zur Verfügung. Im Jahre 1906 verlegte der Verein die Krippe ins Erdgeschoss der Häuser Jägerstraße 10 und 12, die man zu diesem Zweck erworben hatte. Auch hier waren die Räumlichkeiten im Erdgeschoss sehr beengt. Eine zweite Station entstand schließlich in einem Hintergebäude der Kanzlerstraße 63 auf dem Kaßberg.

 

Die Kinder erhielten in der Station eine ärztliche Betreuung. Zu den Vereinsärzten der „Krippe“ gehörte Dr. Johannes Schoedel, Duderstaedts Schwiegersohn. Er sollte sich später als langjähriger Leiter des Mütter- und Säuglingsheimes einen Namen machen.

Grabstätte von Dr. Johannes Schoedel im Familiengrab

 

 

 

Am 30. September 1909 verstarb Duderstaedt, erst 61-jährig, nach langer Krankheit und nachdem er in den letzten Jahren ein immenses Arbeitspensum absolviert hatte. Der Architekt Georg Martin Rümmler, der ab 1890 häufig für die Entwürfe zeichnete, und der Baumeister C. Conrad Mehnert, dem die Ausführung oblag, erwarben die Firma nach dem Tod ihres Gründers. Rümmler, ein naher Verwandter, wohnte in seiner Nähe auf der Dresdner Straße 19.

 

 

 

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Auf Rümmler & Mehnert gehen dann u. a. der Eckbau Markt 4/Bretgasse, der Erweiterungsbau der Hauboldwerke an der Hartmannstraße (heute Ermafa-Passage) und der Luxor-Palast zurück.

 

Markt 4 vor 1945

 

Markt 4 heute

Sämtliche Bauten Duderstaedts in der Innenstadt sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. An den Architekten und Stadtrat aber erinnert noch heute eines der repräsentativen Gräber an der Hauptallee des Städtischen Friedhofes.

 

 

 

Grabmal von Hugo Duderstaedt

Stephan Weingart

Siehe auch: Stephan Weingart: Hugo Duderstaedt (1848–1909) – Architekt des Wilhelminischen Chemnitz. In: Mitteilungen des Chemnitzer Geschichtsvereins, 78. Jahrbuch, Neue Folge (XVII). Der Autor ist für ergänzende Hinweise dankbar.

Bildquellen: 1, 3, 6, 8, 10, 12-17, 23, 24, 28, 29, 32, 36, Stephan Weingart
                     18-20, Hilmar Uhlich
                     34, Jürgen Eichhorn
                     4, 5, 7,  21, 22, 25-26, 31, 33, 35. Petra Habelt
                     30,  wikipedia
                     2, Apparthaus Dresden
                     11, St. Markus

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