Bomben auf den Sonnenberg

Auf die Stadt Chemnitz wurden im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges vor allem in den Jahren 1944/45 durch angloamerikanische Bomber viele Angriffe unternommen, die unterschiedliche Auswirkungen hatten.  In diesen beiden Kriegsjahren fanden mehrere Luftangriffe auf Chemnitz statt, von denen der am 5. März 1945 der Schwerste und auch Zerstörerischste war. Auch der Sonnenberg wurde mehr und mehr in Mitleidenschaft gezogen.

Der Sonnenberg vor dem II. Weltkrieg
 

Bei dem Angriff am 14. Februar 1945 war es wohl mehr ein tragischer Zufall, dass das Haus in der Philippstraße 19 getroffen wurde und 17 Menschen ums Leben kamen. Eine explodierende Luftmine im Bereich der Schüffnerstraße/Kantplatz richtete große Schäden an Gebäuden an und ein Mensch wurde getötet. Bis dahin war der Sonnenberg aber kein Zielgebiet gewesen. Nach neuesten Erkenntnissen soll es selten konkrete Angriffsziele gegeben haben. Die Luftkriegstaktik der Engländer und Amerikaner war vor allem auf die Einschüchterung der Zivilbevölkerung orientiert und richtete sich auf das gesamte Stadtgebiet von Chemnitz. Erst mit den Angriffen im Monat März 1945 erlitt der Sonnenberg größere Zerstörungen.

 

Schüffnerstraße 2 vor dem Angriff...

 

...und danach

Bereits am 2./3.März 1945 erfolgte der Angriff von ca. 400 amerikanischen Bombenflugzeugen auf wenige, ausgewählte Ziele in der Stadt. Vor allem wichtige Verkehrsknotenpunkte bzw. Schaltzentralen der Kommunikation sollten vernichtet werden. Die fast völlige Zerstörung der in Gablenz an der Bernhardstraße befindlichen Reinecker-Werke, die hochwertige Maschinen und Werkzeuge für die Produktion von Fahrzeug- und Panzergetrieben herstellten und die verfehlten Bombenangriffe auf den Kasernenkomplex an der Planitzstraße, erfolgten eher „zufällig“, denn sie waren als Kampfziele auf keinen Planungsunterlagen der Bomberkommandos ausgewiesen.

 

Die Reinecker-Werke vor...

 

...und nach der Zerstörung

Bei diesen Angriffen wurden angrenzende Wohngebiete stark in Mitleidenschaft gezogen. Deshalb gab es an diesem Tag auf dem Sonnenberg viele Menschenleben zu beklagen, so in der Sonnenstr. 27 (17 Tote), Fürstenstr. 54 (13 Tote), Planitzstr. 68 (22 Tote), Würzburger Str. 58 (9 Tote), Zietenstr. 78 (28 Tote) und in der Zietenstr. 87 (7 Tote).
Nur zwei Tage später kam das totale Inferno über die Stadt Chemnitz. Am 5. März 1945 flogen angloamerikanische Bomberstaffeln am Vormittag einen ersten und in der folgenden Nacht zum 6. März den folgenreichsten Doppelangriff. Es war der elfte und gleichzeitig der schwerste von insgesamt zwölf Luftangriffen auf die Stadt während der letzten beiden Kriegsjahre, bei dem 760 Flugzeuge mehr als 2.500 t tödliche Bombenlast abwarfen .

Bomber im Anflug

Auch der Sonnenberg kam nicht schadlos davon. Über die folgenden Gebäude entlud sich die Last der Bomberstaffeln: Amalienstr. 14/16 (7 Tote), Hausenstr. 2 (21 Tote), Martinstr. 10 (15 Tote), Palmstr. 7/9 (5 Tote), Peterstr. 20 (8 Tote), Planitzstr. 68/70 (5 Tote) und die Sonnenstr. 40 (36 Tote).

Auf der südlichen Seite des Stadtteiles waren der Anfang der Augustusburger Straße und die Martinstraße besonders stark betroffen. Insbesondere die Martinstraße war fast völlig zerstört und die Trümmerberge häuften sich.

 

Zerstörte Häuser in der Martinstraße
 

Ein Großteil der über dem Sonnenberg abgeworfenen Bomben schlugen auf dem Freigelände der Planitzwiese ein bzw. gingen im angrenzenden Zeisigwald nieder. Dort hatten sich aus Angst vor den einstürzenden Häusern viele Einwohner des Stadtteiles und auch Soldaten geflüchtet, die nun dort von den fehlgeleiteten Sprengbomben getötet wurden. Die Kasernen selbst blieben fast unbeschädigt.
Aber auch Häuser entlang der Planitzstraße im Bereich zwischen der Regensburger Straße und der Münchner Straße wurden schwer getroffen. Dem fielen in den Häusern Nr. 68/70 insgesamt 27 Menschen zum Opfer. Der vierte Querblock an der Beethovenstraße 84 - 90 sowie die gegenüberliegende Fleischerei an der Regensburger Straßen brannten völlig aus.
 


bombardierte Kasernen am Zeisigwald
 
Als vorbeugenden Schutz gegen zu erwartende Phosphor- bzw. Brandbombenabwürfe hatte man verschiedene Maßnahmen getroffen. So mussten teilweise die Holzverschläge der Bodenkammern entfernt werden, um bei Bränden ein weiteres Entflammen zu verhindern.

Das Holz der Dachkonstruktionen besprühte man mit Kalkwasser als Entflammungsschutz, und auf den Dachböden mussten Behälter mit Wasser und Sand sowie Schaufeln, Äxte u. a. bereitgestellt werden.
Als eine weitere Vorkehrung zur Brandbekämpfung wurden zusätzliche Löschteiche an verschiedenen Plätzen angelegt. Bekannt ist, dass am Lessingplatz nahe der Tschaikowskistraße, auf dem Körnerplatz und an der Ecke Fürstenstraße/Dresdner Straße Betonbecken zur Wasserentnahme errichtet wurden.
Außerdem war auf dem Areal der Gartenanlage „Erdenglück“ in Richtung Fürstenstraße eine große Splittergrabenanlage errichtet worden.

     

Als ein besonderes Ereignis muss der Absturz zweier Flugzeuge am Bombentag des 6. März 1945 erwähnt werden, die wahrscheinlich miteinander in der Luft kollidierten und abstürzten. Während Teile der einen Maschinen auf dem Gelände der Fa. Möbelfabrik Leistner (Jakobstraße/Amalienstraße) aufschlugen, lagen die der anderen Maschine im Straßenbereich der Oststraße und blockierten den Verkehr. Die Straße wurde beräumt und die Flugzeugtrümmer im Gelände der Stadtwirtschaft an der Schüffnerstraße gelagert. Die Leichen der toten Flieger waren im Umkreis verteilt oder befanden sich noch in den zerstörten Maschinen. Die Toten wurden schnellstens geborgen und auf dem städtischen Friedhof begraben.

Würzburger Straße 38 nach der Zerstörung

Die meisten Einwohner auch in den bombardierten Bereichen überlebten die Angriffe in den Luftschutzkellern, deren Decken aus Ziegelgewölben bestanden und einen sicheren Schutz darstellten.

Flächendeckende Zerstörungen wie in der Innenstadt blieben dem Sonnenberg glücklicherweise erspart. Deshalb fanden nach Beendigung des Krieges hier viele Ausgebombte und Flüchtlinge durch Zwangszuweisungen eine vorübergehende Unterkunft.

zerstörte Häuser im Stadtzentrum

Nachdem die Amerikaner Mitte April in Siegmar eingetroffen waren und die westlichen Vororte besetzt hatten, setzte man die Stadtteile dem Störungsfeuerschießen der Artillerie oder der Granatwerfer aus. Da ein Übergabe-Ultimatum durch die Stadt Chemnitz unbeantwortet blieb, begann am 16. April ein kurzes Artilleriefeuer mit 350 Geschützen auf die Stadt, das auch den Sonnenberg schwer traf.

Allein 17 Todesopfer gab es dadurch im Stadtteil zu beklagen. Eine 155 mm-Granate durchschlug die Decke des Luftschutzkellers in der Fürstenstraße 49 und tötete sieben Frauen und ein vierjähriges Kind. Das beabsichtigte „Sturmreifschießen“ der ganzen Stadt konnte glücklicherweise vermieden werden.

Augenzeugen berichteten auch, dass in dieser Zeit amerikanische Tieffliegerangriffe von meist drei Jagdflugzeugen erfolgten und dabei auf Menschenansammlungen vor Geschäften und Wasserentnahmestellen geschossen wurde. Es gab Todesfälle und Verwundungen. Aber oft handelte es sich auch um Scheinangriffe zur Einschüchterung der Menschen.

Erst mit dem Abzug der Wehrmacht aus der Stadt am 6./7. Mai 1945 und dem anschließenden Einzug der Roten Armee in Chemnitz in der Zeit vom 8. bis 11. Mai fanden die weiteren Kriegszerstörungen ein Ende.

Den ungekürzten Beitrag können Sie nachlesen in unserem Buch "Die Sonne gab den Namen".

Bildquellen: 1,14 , Sammlung Petra Habelt
                     2,13,10,  Sammlung Eckart Roßberg
                     5, Verlag Heimatland Sachsen 1995 "Chemnitzer Erinnerungen 1945 Teil 1"
                     6,9, Schloßbergmuseum
                     7, 8, 11, Foto Fuchs
                    

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